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U2 News » Verified Albtraum – eine Glosse


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  » Beyond The Edge

   Bonoman

   22.11.2017 um 16:12 Uhr

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Seit der Vertigo Tour hat uns das Thema Kartenvorverkauf nicht mehr so beschäftigt, wie jüngst beim Presale in Nordamerika. Eine Glosse von unserem Mitarbeiter Daniel (Bonoman):

Dream out the world you wanna‘ live in – dream out loud! Diesen gut gemeinten Rat gab mir einst der Sänger einer bekannten irischen Band mit auf den Weg…also gut: Ich bin auf dem Weg zum Kartenkiosk, es ist Montagnachmittag, vergangenen Mittwoch haben U2 ihre experience+innocence Tour für das kommende Jahr angekündigt. Gespannt überlege ich, wie die Karten wohl aussehen werden. Diese schön gestalteten Tickets aus festem Papier sind doch immer noch die schönste Erinnerung an ein Konzerterlebnis. Ob ich meiner Familie und einigen Freunden gleich Karten mitbringen soll? Lieber erstmal abwarten ob sie Zeit haben, in der nächsten Woche sind sicher noch genug Karten für alle da… Der Verkäufer im Kartenkiosk begrüßt mich freundlich und ich erwidere. "Zwei Innenraumkarten für U2 in Hamburg hätte ich gerne." Der Verkäufer holt eine Kiste hervor und zählt die Karten ab. "Gerne, das macht dann 60 Euro pro Karte zuzüglich. 2,50 Euro Vorverkaufsgebühren." Damit kann ich gut leben, ich hole 130 Euro aus dem Portemonnaie und erhalte im Gegenzug zwei schicke Papiertickets mit schöner Prägung des aktuellen Tourlogos. Klasse, jetzt kann die Vorfreude beginnen. Ich beschließe, zur Feier des Tages einen Umweg über das Irish Pub zu machen und mir noch ein Guinness zu genehmigen…

"RIIIIING RIIIING RIIIIING"….ich schrecke hoch, sitze kerzengerade in meinem Bett…"RIIIIING RIIIING RIIIIING". Schweißgebadet sehe ich nach oben. Über mir steht eine dunkle Gestalt und hält einen gräßlich lauten Wecker in der Hand. "Aufwachen!" sagt er und unterstreicht seine Aufforderung, indem er den Wecker direkt vor mein Gesicht schiebt… "RIIIIING RIIIING RIIIIING"…. "Ist ja schon gut" sage ich, "Wer bist Du überhaupt?" - "Wie Du kennst mich nicht???" antwortet die dunkle Gestalt mit einer raumergreifenden tiefen Stimme, die mich erschaudern lässt. "Ich bin der TICKETMASTER!". Mit einem Mal bin ich hellwach und eine gruselige Erkenntnis überkommt mich. Es gibt ihn also wirklich: den Ticketmaster!

Seit Wochen höre ich Gerüchte um dieses Wesen aus der Zwischenwelt, das angeblich sein Unwesen unter treusorgenden Fans treibt. Einige, so hört man, hätte er bereits in den Wahnsinn getrieben… Ich habe es nie glauben wollen, hielt die Erzählungen immer für Hirngespinste oder zumindest maßlos übertrieben, aber jetzt steht er leibhaftig vor mir, mit einer hässlichen Fratze aus der mich dunkle Augen böse anstarren. Erst jetzt bemerke ich die Glasscherben auf dem Boden. Meine Vitrine ist zertrümmert und sämtliche Gegenstände der U2-Sammlung sind entwendet worden… "Was hast Du mit meiner Sammlung gemacht" frage ich angesäuert. Der Ticketmaster zeigt auf einen großen Müllsack neben meiner Zimmertür. "Alles entsorgt!" zischt er, "Die brauchst Du ohnehin nicht mehr, Du bist kein echter Fan!!!". So langsam wandelt sich meine Angst in Wut…"Jetzt reicht es aber…" schreie ich ihn an, "Ich besuche seit 25 Jahren auf jeder Tour mehrere U2 Konzerte, habe die Band schon durch ganz Europa begleitet, besitze jede Platte, jede CD, jede Sonderausgabe…""Und?" unterbricht mich der Ticketmaster…"Was willst Du mir damit beweisen. Ich WEIß dass Du kein echter Fan sein kannst, hier steht es schwarz auf weiß!" Er hat plötzlich ein Tablet in der Hand und ich blicke auf meinen U2.com Account. Woher verdammt nochmal hat der mein Passwort, frage ich mich… "Setup incomplete!!!" schreit er und seine Größe scheint sich dabei zu verdoppeln. "Setup incomplete!!! Du bist nicht registriert!!! Schämst Du Dich gar nicht?"

Ich erinnere mich, die Website fordert mich seit einiger Zeit dazu auf, meinen Account mit dem des Online- Tickethändlers zu verknüpfen. Ich wollte das sogar tun, jedoch scheiterte ich stets bei der Eingabe meiner Handynummer, die vom System nicht akzeptiert wurde. Irgendwann wurde es mir dann zu doof und ich habe mich nicht weiter damit beschäftigt. Das war offensichtlich ein Fehler! "Unverified!" schreit der Ticketmaster und brandmarkt meine Stirn mit einem tiefschwarzen Stempel in Form eines großen "U"s. Ich zucke zurück. "Ich wollte ja…" stammele ich…"aber ich…""Kein Aber!" raunzt mich der Ticketmaster an. "Du hattest Deine Chance, diese Tour findet ohne Dich statt." Er wendet sich ab und stampft Richtung Tür… – "Bitte nicht" rufe ich, "ich habe doch seit Anfang der 90er keine Tour verpasst! Gibt es nicht irgendetwas was ich noch tun kann?" Kurz vor Verlassen meines Zimmers bleibt die dunkle Gestalt stehen.

Naja…“ die Stimme des Ticketmasters wird plötzlich ganz leise, es ist eher ein Säuseln und ich fühle mich unweigerlich an den Handelsvertreter erinnert, der mir letzte Woche einen neuen Staubsauger an der Haustür verkaufen wollte. „Es gäbe da schon noch eine Möglichkeit…" Er hält ein Formular in der Hand und wedelt damit vor meinem Gesicht herum. Es fällt mir schwer, etwas zu erkennen, aber ich kann deutlich zwei Worte erkennen – CITIBANK und KREDITKARTENANTRAG steht da in großen Lettern geschrieben…. Ich verstehe gar nichts mehr. „Wenn Du hier unterschreibst, dann bist Du wieder im Spiel“ grinst er mich frohlockend an. „Und Du kannst sogar vier, statt nur zwei Karten kaufen. Und Du wirst Plätze auswählen können, die all die U2.com Subscriber nicht mal zu sehen bekommen. Und Larry wird Dir zum Geburtstag einen Kuchen backen.“„Echt jetzt?“ frage ich. – „Nee, das letzte war ein Scherz“ grinst er, „aber dafür kannst Du Citibank Punkte sammeln“.

Ich überlege…“Ist das denn die einzige Möglichkeit, an Karten zu kommen, wird es nicht irgendeinen Vorverkauf geben, für den ich keine Daten preisgeben muss, für den keine Registrierung notwendig ist?“„Nein, garantiert nicht! Es gibt nur diese Möglichkeiten, ohne Registrierung läuft gar nichts, vertrau mir!“ sagt der Ticketmaster und ich zweifle, ob es schlau wäre, das wirklich zu tun. Er merkt, dass ich zögere. „Komm schon, ich habe gestern noch mit Guy Oseary in der Flughafenlounge gesessen und wir haben alles genau besprochen, Du brauchst Dir keine Sorgen machen…“ Was soll ich machen? Schweren Herzens unterschreibe ich den Kreditkartenantrag und frage mich, wieviel Provision der Ticketmaster –oder gar die Band- dafür einstreichen. Und da ich ohnehin das Gefühl habe, gerade meine Seele zu verkaufen, vervollständige ich auch noch das Formular auf u2.com und verknüpfe mein Konto mit dem Online-Tickethändler. Der Ticketmaster räumt derweil freiwillig meine Sammlung zurück in die Vitrine. Anscheinend ist er zufrieden. Zu guter Letzt holt er einen weiteren Stempel aus seiner Tasche und statt einem „U“ bekomme ich nun ein „V“ für Verified auf die Stirn gedrückt. „Ach und sollte Dich irgendjemand fragen, warum wir das tun: Das ist alles nur, um die bösen Schwarzhändler fernzuhalten, verstehst Du, nur darum geht es! Hast Du das verstanden?“ Sein Blick gibt mir zu erkennen, dass alles andere als eine Zustimmung sehr schmerzhaft für mich werden könnte, darum nicke ich nur und sage leise „Ja, verstanden…Danke.“

Einige Tage später ist es dann soweit. Der Vorverkauf für zahlende Fanclub-Mitglieder beginnt. Überpünktlich sitze ich am PC und warte auf den versprochenen Code, mit dem ich meine Karten kaufen kann. Nichts passiert. Naja, ist halt der Server etwas überlastet denke ich und mache mir noch nen' Kaffee. Hat ja bisher immer alles super geklappt, und außerdem habe ich ja das Wort vom Ticketmaster. Als ich am frühen Nachmittag immer noch keinen Code erhalten habe, werde ich langsam unruhig. Ich wähle die Nummer der U2.com Hotline und gerate für zwei Stunden in eine Warteschleife, bevor ich entnervt auflege. Im Zootopia-Forum lese ich, dass es vielen so ergeht wie mir. Widersprüchliche Aussagen von Mitarbeitern sind dort zu lesen, der eine redet von einer Lotterie, ein anderer wiederholt gebetsmühlenartig, die Registrierung sei keine Garantie für den Erhalt eines Codes etc. etc. Gegen Mitternacht mache ich den PC aus und begrabe meine Hoffnungen für heute. Gott sei Dank habe ich diesen blöden Kreditkartenantrag unterschrieben. Morgen im Citibank-Presale wird alles besser; beruhigt von diesem Gedanken schlafe ich ein. Am nächsten Morgen werfe ich erneut den PC an und siehe da – eine E-Mail mit passender Betreffzeile – endlich. Erwartungsvoll öffne ich die Nachricht und traue meinen Augen nicht: ich befinde mich auf der Warteliste für den Citicard-Presale. Schönen Dank auch! Über Twitter erfahre ich von einigen Glücklichen, die problemlos ihre Karten erhalten haben. Sogar Innenraumplätze, die gestern für Fanclub-Mitglieder nicht einmal angezeigt worden. Zumindest in dieser Hinsicht hat der Ticketmaster nicht gelogen. Kann ich mir aber auch nichts für kaufen. Ich bin erstmal bedient.

Eigentlich hab ich schon gar keine richtige Lust mehr auf die Konzerte, dennoch versuche ich ein letztes Mal im offenen Vorverkauf mein Glück. Auch hierfür habe ich mich wie gefordert registriert. Das Ergebnis ist ernüchternd: vereinzelt Plätze in den obersten Blöcken, zudem teilweise dreimal so teuer wie bei der letzten Tour. Dass das nicht aufgehen kann, fällt irgendwann auch dem Veranstalter auf. In seiner Hilflosigkeit ermöglicht er entgegen aller vorherigen Aussagen, diese Tickets auch ohne Vorab-Registrierung zu kaufen. Mir ist das inzwischen egal. Ich habe vorerst mit diesem „Verified Chaos“ abgeschlossen. Das „V“ auf meiner Stirn ließ sich leider nicht abwischen. In meiner Not habe ich zum Edding gegriffen und ein paar Buchstaben ergänzt: „For LoVe or Money?“ steht dort nun geschrieben, damit ich beim Blick in den Spiegel immer daran erinnert werde, dass man nicht jeden Sch**** mitmachen muss. Über meinem Bett hängen vorsichtshalber ein paar Knoblauchknollen und ein Kruzifix…sollte der Ticketmaster verwandt mit anderen Blutsaugern sein, hilft mir das vielleicht beizeiten.

 
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