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U2 News » Bono im Interview: "Mein Größenwahn hat früh begonnen"


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   Didi

   23.06.2003 um 16:22 Uhr

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In der Ausgabe der Berliner Zeitung vom Samstag ist ein Interview (auf deutsch) mit Bono zu finden. Es wurde wohl irgendwann im März von Alrun Steinrueck aufgezeichnet, da Bono auf seinen Bandscheibenvorfall angesprochen wurde, wegen dem er auch die Einführung von 'The Clash' in die Hall of Fame absagen musste (News). Trotzdem lesenswert, für das Interview hier klicken.

Bono, Sänger der irischen Band U2, über Rückenleiden, Gerechtigkeit, das Scheckbuch des Präsidenten und Gottes Vorliebe für die Rockmusik Frage: Wir haben diese Veranstaltung für eine Woche verschoben, weil Sie Rückenprobleme hatten. Wie geht es Ihrem Rücken jetzt? Wollen Sie die Dinge etwas ruhiger angehen? Bono: Ich hatte viel zu viel Sex für mein Alter! Frage: Werden Sie das etwas runterschrauben? Bono: Man hat mir ein elektrisches Gerät gegeben, das mir helfen soll. Das trage ich auf dem Rücken. Leider mache ich keine Witze. Frage: Könnten Ihre Rückenprobleme daher kommen, dass Sie am Anfang Ihrer Karriere oft von der Bühne in die Menschenmenge gesprungen sind? Bono: Ich glaube an so etwas wie Schicksal. Ich bin mir sicher, dass es das gibt und ich glaube, dass es durch Gnade hier und da aufgehalten werden kann. Aber wenn nicht, sitz ich in der Scheiße! Frage: Vor der Grammyverleihung in diesem Jahr gab es ein Dinner, bei dem Sie zur "Person des Jahres" ernannt wurden. Ihr Gitarrist The Edge hielt eine Rede und sagte: "Wir waren mal einfach vier Jungs, die Rockmusik gemacht haben, und nun sitzen wir im Studio, der Papst ist am Telefon, Nelson Mandela kommt vorbei." The Edge fragte dann: "Wo ist uns das aus dem Ruder gelaufen?" Gab es irgendwo eine Abzweigung in Ihrer Karriere? Bono: Ich glaube, mein Größenwahn hat früh angefangen. Bei U2 waren unsere Ambitionen und unser Talent nicht im Einklang. Die Chemie zwischen uns stimmte und war viel interessanter als die Musik, die wir anfänglich machten. Ich hoffe und denke, die Musik hat jetzt aufgeholt. Aber unsere Chemie bestand im Wesentlichen daraus, Musik zu machen, die die Probleme der Welt nicht außen vor lässt. Und das waren nicht nur die Sorgen und Nöte des Vorstadtlebens, aus dem wir kamen, sondern alles, was auf der Welt passierte. Vielleicht ist das etwas Irisches. Ich weiß genau, ohne U2 wäre ich einfach noch ein weiterer Spinner, der in der Kneipe rumhängt. Eigentlich bin ich das aber auch mit U2. Kunst und Politik waren in Irland immer schon miteinander verwoben. Ich meine damit, schon unsere Verfassung und unser Land wurden von verrückten Poeten, betrunkenen Priestern - mit all denen würde ich mich wohl fühlen! - und von Politikern erdacht. Ich glaube, das ist ein Kennzeichen unserer Gesellschaft. Und ich glaube, das ist nicht so sonderbar, wie es zugegeben manchmal aussieht. Frage: Ihre politische Arbeit begann vor 15 Jahren. Wie hat das angefangen? Wie entstand Ihr Interesse für Themen wie Aids in Afrika? Bono: Ich wusste von Aids in New York und San Francisco, aber nicht, dass diese gigantische, ansteckende Krankheit Kontinente verspeist. Ich wusste mehr von Hungersnöten als von der Gesundheitskrise durch Aids. Wohin du auch gehst in Afrika - das ist eine komische Sache - springt ein Ire hinter dem Busch hervor. Wir Iren gehen traditionell nach Afrika und in unterentwickelte Länder und arbeiten dort als Nonnen und Priester. Wenn es irgendwo eine Revolte gibt, findet man auch einen Priester hinter einem Busch. Ich erinnere mich, selbst in Mittelamerika sagte mir Ernesto Cardenal: "Die Sandinistas (linke politische Partei in Nicaragua) sind alle irische Priester!" Wo man in Afrika auch hingeht, überall findet man einen zweifelhaften afrikanischen Herrscher, der sagt: "Ich habe alles von den Jesuiten gelernt!" Das hat übrigens Mugabe zu mir gesagt. Der Grund für das irische Engagement liegt darin, dass die Iren an die Hungersnöte im eigenen Land erinnert werden, an das buchstäbliche Verhungern und den unnötigen Verlust von so vielen Menschenleben. Ob mich wirklich diese kollektive Erinnerung nach Afrika gebracht hat oder ob ich mich einfach gerne in die Angelegenheiten anderer Leute einmische - das weiß ich nicht. Frage: War das Konzert Live-Aid ein persönlicher Meilenstein? Bono: Das war ein erstaunliches Ereignis. Am erstaunlichsten war es für mich, weil ich so viele Kämpfchen mit Bob Geldorf über Rockmusik hatte. Denn er sagte immer: "Hör auf damit! Das ist Rockmusik - und nur darum soll es gehen." Die andere Figur, die immer sagte "Lass es sein, lass es sein!", war Sting. Das waren die beiden, die sagten: "Bono, lass das politische Zeug da raus. Das wird nix." Aber sie glaubten beide an die Kraft von Popmusik an sich. Und in diesem Sinne lagen sie richtig: Popmusik oder Rockmusik muss nicht mehr sein, als sie ist. Aber in unserem Fall, da wir sind, wie wir sind, sollte es mehr sein. Unsere Helden waren Bands wie The Clash. Joe Strummer von The Clash starb letzte Weihnachten. Wir arbeiteten gemeinsam an einem Song zu der Zeit. Eine Ironie der Geschichte. Frage: Wird der Song veröffentlicht? Bono: Ja. Joe hat einen erstaunlichen Songtext geschrieben. Es geht um Nelson Mandelas Gefängniszeit. Er wird wohl dieses Jahr auf einem Aids-Album rauskommen. Wir versuchen, viele Leute dafür zu gewinnen. Wir waren im Mittleren Westen Amerikas unterwegs, um den Politikern in Washington zu beweisen, dass sich die Menschen dort dafür interessieren, was im Rest der Welt vor sich geht. Sie haben starke moralische Überzeugungen darüber. Aber Aids ist nicht nur ein Steckenpferd von mir: Zweieinhalb Millionen Afrikaner werden nächstes Jahr sterben, weil sie die Medizin, die im Westen leicht zu erhalten ist, nicht kriegen können. Das ist nicht einfach irgendein Thema, das ist ein absoluter Notfall. Frage: Der amerikanische Präsident Bush versprach in seiner Jahresansprache an die amerikanische Bevölkerung, in den nächsten fünf Jahren 15 Milliarden Dollar weltweit für Aids-Projekte auszugeben. Wie bedeutsam ist das? Bono: Das war ein wirklich außergewöhnlicher Moment in der Geschichte dieser Krankheit: Dass der Präsident der Vereinigten Staaten sich der Herausforderung gestellt hat - und das mit seinem Scheckbuch, woran wir natürlich am allermeisten interessiert sind. Und dann hat er es zu einer Priorität in seiner "Rede an die Nation" gemacht: Aids als ein moralisch vordringliches Thema unserer Zeit. Wie können wir zusehen, wie Menschen sterben, wenn wir die Medizin dagegen haben? Wir haben ihm gute Argumente geliefert: Diese Medizin ist Werbung für Amerika, Werbung für das Beste des Westens, für Innovation und Kreativität. Und wichtige Werbung zu einer Zeit, in der die Flagge der USA in den Schmutz gezogen wird und ebenso die britische Flagge und dem Westen insgesamt nicht vertraut wird. Hier gibt es eine Gelegenheit für uns, zu zeigen, worum es uns geht und was unsere Zivilisation leisten kann. Das ist ein kühner und mutiger Schritt des Präsidenten. Frage: Haben Sie mit ihm selbst gesprochen? Bono: Oh, ja. Frage: Wie fanden Sie ihn? War er empfänglich für das Thema? Mussten Sie ihn überzeugen? Und mit dem Irak-Konflikt im Hintergrund stellt sich die Frage: Ist dies ein Feigenblatt für ihn, um ein mitfühlendes, konservatives, humanitäres Anliegen vorzuweisen, zu einer Zeit, da es unschuldige Opfer im Irak gab? Benutzt er die Aids-Hilfe, um da etwas auszugleichen? Bono: Um fair zu sein, ich glaube, er hat sehr realistische Überzeugungen. Falls nicht, habe ich ihn mit Bibelzitaten bombardiert. Genau mit denen, von denen ich religiösen Menschen immer erzähle. Ich sage immer, es gibt 2 103 Verse in der Bibel, die sich mit Armut beschäftigen, und Christus spricht nur ein einziges Mal ein Urteil. Und da geht es nicht um Dinge, an denen die Kirche sich so gerne stößt. Nicht um Sexualität, Moral oder all die anderen Dinge. Es ging um Armut. Es ist eine fantastische und poetische Passage bei Matthäus - 24, glaube ich: "Ich war nackt, und ihr habt mich eingekleidet, ich war ein Fremder, und ihr habt mich aufgenommen, ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben." Und sie sagen zu Christus: "Wovon sprichst du? Du warst das alles nie." Und er sagt: "Also, sobald ihr das zu dem geringsten meiner Brüder tut, tut ihr es zu mir." Dieses Bibelzitat macht religiöse Menschen nachdenklich. Tatsächlich macht es mich auch nachdenklich. Frage: Wie hat Bush reagiert? Bono: Er war sehr daran interessiert. Ich denke, es hat ihn überzeugt. Aber ehrlich gesagt, ich wollte ihm nur glauben, dass er es glaubt, wenn er den Scheck unterschreibt. Was er getan hat. Es ist sehr interessant: Wenn du anfängst, Lärm zu machen, zu demonstrieren, zu agitieren und du stehst vor einer Mauer von Gleichgültigkeit. Und dann eines Tages durchbrichst du die Mauer und plötzlich bist du auf der anderen Seite, dir wird zugehört und dann tun die was Schreckliches: Sie geben dir, was du haben willst! Was machst du dann? Was ich mache: Ich sage danke. Präsident Bush und ich sind nicht immer einer Meinung, aber in diesem Fall sind wir es. Er ist allen anderen Regierungschefs in dieser Sache weit voraus. Und jetzt werde ich Jacques Chirac, Tony Blair und Gerhard Schröder auf die Nerven gehen. Die werden alle ihr blaues Wunder erleben. Frage: Sie sprechen auch über die Reduzierung der Verschuldung der Dritten Welt - eine weitere wichtige Aufgabe. Mögen Sie es "Vergeben der Schulden" nennen? Bono: Für mich als Iren ist das ein problematisches Wort. Frage: Die gesamte Verschuldung der armen Länder liegt bei 350 Milliarden Dollar. Und die wöchentlichen Rückzahlungen allein liegen bei 200 Millionen - so viel wie das gesamte Konzert Live-Aid erbracht hat. Wie können Sie den Internationalen Währungsfonds, Weltbank und andere davon überzeugen, dass es ihr eigenes Interesse ist, den Schuldenerlass zu unterstützen? Bono: Dass ich den Ausdruck "Vergebung der Schulden" nicht mag, liegt daran, dass es suggeriert, wir haben diesen Menschen etwas zu vergeben, während ihnen in Wirklichkeit ein Großteil der Gelder aus unseren Interessen geliehen wurde - aus geopolitischen Gründen. Genauer gesagt, häufig wurde das Geld sehr zweifelhaften Diktatoren aufgedrängt: Hier ist das Geld! Weil sie Bollwerke gegen die Sowjetunion waren. Wir im Westen haben viele schlechte Leute unterstützt, um andere zu stoppen. Wie Mobuto - ein klassisches Beispiel - der gleich Millionen auf sein Schweizer Bankkonto gepackt hat, während sein Volk hungerte. Ich halte es für sehr wichtig, hier nie mit Wohltätigkeit zu argumentieren, sondern mit Gerechtigkeit. Dasselbe gilt für den Handel. Wenn man bedenkt, dass die ärmsten Menschen dieses Planeten ihre Produkte nicht bei uns ins Regal stellen dürfen, dann ist das beunruhigend. Wir haben sehr strenge Handelsbestimmungen. Es ist eine Tatsache, dass die USA der größte Fürsprecher des freien Marktes sind, aber auf manche der ärmsten und unterentwickeltsten Länder der Welt wendet sie es nicht an. Wenn wir die Afrikaner fragen würden, wollt ihr eine höhere finanzielle Hilfe oder fairere Handelsabkommen, so würden sie immer den Handel wählen. Sie wollen keine Bittsteller sein. Das finde ich interessant. Lassen Sie mich erzählen, warum mein Vater ein großer Fan von Amerika war. Und mit ihm seine ganze Generation. Die Vereinigten Staaten haben nicht nur Europa befreit, sondern auch geholfen, Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen. Das haben die USA gemacht, weil sie schlau sind und Herz haben. Europa wurde zu einem Bollwerk gegen die Sowjetunion. Die USA gaben ein Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für den Marshall-Plan - so hieß das Ganze damals. Momentan wenden die Vereinigten Staaten nur etwas mehr als 0,1 Prozent für Entwicklungshilfe auf. Aber der Grund, warum die USA als ein besonderes Land gesehen wurden, der Grund, warum die Marke USA für 25 Jahre unberührbar war, hatte mit der Hilfe zu tun. So haben die Menschen Amerika kennen gelernt und das war für sie das Wesen der USA. Man kommt nicht um die Tatsache herum - und das gilt für den gesamten Westen -, je reicher wir geworden sind, desto weniger haben wir gegeben, desto kleiner wurde der Anteil unseres nationalen Einkommens dafür. Ich behaupte, Afrika braucht einen Marshall-Plan für den Handel, für die Schulden und für Aids-Initiativen. Mir ist egal, ob es als Bollwerk gegen Extremismus bezeichnet wird. Aber mehr Geld muss ausgegeben werden, nicht nur von den USA, sondern auch von Europa, damit wir den Rest der Welt davon überzeugen, dass wir eine Kraft sind, die Gutes bewirkt. Dass wir uns nicht abgrenzen. Amerika ist ein generöses Land. Die Menschen sind großzügig. Als U2 durch den Mittleren Westen der USA reiste, um einen Grundstein für die Aids-Initiative zu legen, trafen wir viele Lastwagenfahrer an Raststätten. Da war ein Trucker, ein Riese, der überall Tätowierungen hatte. Und der sagte einfach: "Ich fahre überall hin. Südafrika! Da will ich hin." Der wusste, dass fünfzig Prozent seiner Kollegen in Südafrika HIV-positiv sind und daran sterben werden. Der wusste das! Je mehr Amerikaner über diesen Kram reden, desto amerikanischer fühlen sie sich. Eine erstaunliche Sache. Manche Leute sagen: "Ach, denen ist das egal." Das ist falsch! In den USA leuchtet der ganze Raum, wenn man über dieses Anteil nehmende Amerika spricht. Der Krieg gegen den Terrorismus ist verbunden mit dem Krieg gegen Armut. Das habe nicht ich gesagt, das hat Colin Powell gesagt. Er ist ein Militär und vielleicht sollten wir in diesen Dingen auf ihn hören. Und obwohl die Täter des World-Trade-Center-Anschlags wohlhabende Saudis waren, so fanden sie doch Zuflucht in dem kollabierten Staat Afghanistan. Ein hoher Beamter des Weißen Hauses in Washington gab uns gegenüber zu: "Ja, wir wissen, es gibt weitere zehn potenzielle Afghanistans in Afrika." Es ist billiger, das Feuer zu verhindern, als es zu löschen. Darum geht es uns: um einen neuen Marshall-Plan für die Entwicklungsländer. Mit den Vorteilen der Globalisierung kommen auch Verpflichtungen. Wir können ihnen nicht aus dem Weg gehen und wir können nicht verhehlen, dass die meisten der Menschen, auf die die globale Ökonomie eine Auswirkung hat, von ihr im Moment nichts haben. Und so müsste es nicht sein. Frage: Sie haben einige konservative Politiker davon überzeugt, ihre Meinung zu ändern. Wie schaffen Sie es, einen Konservativen zu einer anderen Sichtweise zu animieren? Bono: Nach meiner Erfahrung hat Bösartigkeit keine politische Farbe. Man findet extrem konservative Menschen, die ihr Haus verkaufen, um einer Familie in Afrika zu helfen - oder sie machen das eben nicht. Das habe ich gelernt. Ich habe immer versucht, an die Überzeugungen der Menschen zu appellieren, die sie einmal hatten. Sie haben sie vielleicht vergessen, aber ich erinnere sie daran. Viele dieser Leute sind aus guten Gründen in den öffentlichen Dienst gegangen. Vielleicht haben sie ihr Feuer ein wenig verloren, aber das kann man wieder beleben. Auf jeden Fall versuche ich das. Sonst gibt es da immer noch die Drohung, dass ich in ihrem Wahlbezirk mit 70 000 meiner engsten Freunde auftauche. Frage: Gott taucht immer wieder in Ihren Songs auf. Er scheint zu kommen und zu gehen. Bono: Der ist unzuverlässig - Gott. Aber vielleicht liegt es an uns? Ich weiß es nicht. Frage: Ich frage mich, ob Ihre Musik Distanz und Nähe zur "Gnade" reflektiert, wie Sie es nennen. In den 1990er-Jahren wollten Sie dem Sound de r alten U2 entfliehen, dann nahmen Sie ihn wieder auf. Ich war im Studio, als Sie das Album "Pop" aufnahmen, und Sie spielten "Velvet Dress". Sie berieten sich mit den anderen Bandmitgliedern, ob der Song zu sehr wie ein U2-Song klingt. Bono: Es ist schwer, sich das jetzt vorzustellen. Es hört sich an, als wären wir damals in einem sehr tiefen Loch gewesen. Aber in einem sehr, sehr interessanten Loch. Sogar in einem schwarzen Loch. Es ist ein wunderschönes Lied, und wir haben es auseinander genommen. Denn das Allerwichtigste für einen Musiker ist es, von der Melodie und dem Rhythmus überrascht zu werden. Auf besonders guten Alben hört man, wie der Musiker von den Worten überrascht wird. Wenn man zu genau weiß, was man macht, wird es zäh. Worin wir wirklich gut waren in den letzten Jahren ist, die Kulissen, die Rahmenbedingungen unserer Musik zu verändern, bis wir nicht mehr wussten, was wir machten. Und dann konnten wir unsere besten Songs spielen. Wenn es zu komfortabel wird, stecken wir es in Brand oder wir schmeißen einen Knallkörper hinein. Frage: Es ist leicht erkennbar, dass Sie Variationen suchen. Sie konzentrierten sich mehr auf den Rhythmus - etwas, was Sie vorher nicht gemacht haben. Bono: Wir wollten eine neue Sprache finden. Wir hatten ein paar "Musikunfälle", die bestimmten, was wir machten. Wir wussten nicht, wo die uns hinführen. Der erste Rezensent unseres ersten Albums "Boy" schrieb: "Dieses Album ist so gut, sie sollten jetzt aufhören." Frage: Ich bin froh, dass Sie der Empfehlung nicht gefolgt sind! Bono: Auf gewisse Art und Weise haben wir das aber gemacht. Das ist genau das, was ich meine. Wir versuchen wieder und wieder, die Band aufzubrechen, um sie für uns selbst frisch zu halten und um eine Unruhe zu erhalten. Ich glaube, unsere beste Musik machen wir jetzt. Ich glaube ganz ehrlich, die Band ist heute besser. Wenn wir Schriftsteller, Fotografen oder Maler wären - da fängt man mit vierzig gerade erst an. Aber Rockbands sind mit dreißig schon ausgebrannt. Frage: Warum ist U2 das nicht? Wie haben Sie es geschafft, zusammen und relevant zu bleiben? Bono: Ich glaube, teilweise ist das unsere Dickköpfigkeit. Wir sind entschlossen, unser Potenzial zu realisieren, die Magie, die wir im Probenraum haben. Und außerdem wird man so übermäßig belohnt für die Arbeit. Plötzlich hast du ein Haus und ein Auto, ein paar Häuser und ein Auto. Du bist halbwegs katholisch, also hast du das katholische schlechte Gewissen. Außerdem kommst du aus dem Punkrock, und Punkrock sagt, das darf nicht sein. Und du denkst dir: Okay, es passiert aber, also sind wir besser, richtig verdammt gut! Und: das sind wir! Frage: Ich bin mir sicher, Sie könnten jetzt "Boy" von Anfang bis Ende durchspielen?! Bono: Das würde ich gerne können. Edge benutzt aber Muskelerinnerung, d.h. er kennt die Namen der Akkorde nicht, die er spielt. Er ist einer der besten und talentiertesten Gitarrenspieler der Rockmusikgeschichte. Aber ehrlich gesagt, er hat keine Ahnung, was er macht. Entschuldigung, das kam ein bisschen falsch raus. Unsere Musik ist nicht niedergeschrieben. Ein genialer Typ hat das versucht. Und ich glaube, Edge würde da nachgucken. Denn seine Muskelerinnerung ist verblasst und er hat keine Ahnung, was für Zeug er gespielt hat. Denn es ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Wir waren damals nicht gut genug, um einfach spielen zu können. Als Garagenband waren wir eine Art Zuschauerattraktion. Man wusste vorher nicht, ob U2 sich selbst oder das Publikum in Brand stecken würde. Angestellte von Plattenfirmen wurden gefeuert, weil sie uns unter Vertrag nehmen wollten. Sie sahen einen der besten Gigs ihres Lebens, kommen mit ihrem Boss zurück und der sieht einen der schlechtesten Gigs seines Lebens. So war es immer mit uns. Ist es noch heute - nur etwas weniger. Frage: Das Risiko ist immer noch groß? Bono: Wir sind schon etwas besser geworden. Frage: Arbeiten Sie an einem neuen Album? Bono: Ja. Momentan hört es sich noch an wie eine Kettensäge, die aufheult. Wir machen das Album aus dem Bauch heraus. Die Songs sind sehr direkt. Große Songs, große Melodien. Intensives Gitarrenspiel eines total frustrierten Mannes, der seinen Sänger so schnell wie möglich zurückhaben will. Wenn dieses Album gut wird, hat das eine Menge mit ihm zu tun. Er ist sehr schüchtern in Bezug auf sein Gitarrenspiel. Die meisten Gitarristen verziehen ihr Gesicht zu einer Grimasse beim Spielen und bringen ihre Gitarre in den Vordergrund. The Edge macht das alles nicht. Wenn man in sein Haus kommt, liegt da keine Gitarre rum. Die ist in ihrem Kasten eingeschlossen. Er ist ein wenig nervös. Er ist schließlich Presbyterianer (sehr zugeknöpfte, steife Protestanten), und es war ihm schon immer ein wenig peinlich, ein hervorragender Gitarrist zu sein. Frage: Woher kommt der Name U2? Ich hörte, es sei ein Sozialhilfeformular in Dublin, und ich hörte, es geht auf ein Flugzeug zurück. Bono: Ja, es ist das Flugzeug. Es war nicht unsere Idee. Ein Freund von uns, Steve, der immer noch für uns alle Alben designt, hatte sie. Ich will ehrlich sein, ich mag den Namen wirklich nicht. Erst vor kurzem fand ich heraus, dass es ein Wortspiel ist. Es war mir so peinlich. (U2 spricht sich wie you too - du auch). Adam erzählte mir, es gibt eine lange Reihe von guten Rockbands mit wirklich schlechten Namen. Beatles ist ja auch so ein Wortspiel, und das hatte ich auch noch nicht bemerkt. Frage: Fließt etwas Afrika in Ihre Musik mit ein? Bono: Falls es das tut, dann durch den besonderen Geist dieses Kontinents. Das Schwierigste für einen Künstler ist, Freude entstehen zu lassen. Wenn du ein schlechter Maler bist, kannst du deine Wut auf die Welt leicht ausdrücken: Schwarz! Ohhh, tiefsinnig! Mein lieber Gott, ist der sauer. Auch Zufriedenheit lässt sich gut ausdrücken, aber Freude in Kunst zu verwandeln, ist fast unmöglich. Die hört man in afrikanischer Musik. In den Stimmen und im Rhythmus. Und ich glaube, das Gefühl vermittelt U2 auch, ohne zu wissen, was es genau ist. Die Musik ist pure Freude. Unsere Musik geht unter die Haut und unter die Oberfläche der Dinge. Frage: Wie wichtig ist religiöser Glaube für Ihre Musik? Glauben Sie an Gott? Bono: Ja, ich glaube an Gott. Aber die größere Frage für mich ist: Glaubt Gott an mich? Oder an uns? Was ich aufregend finde, ist, dass Gott vielleicht an uns glaubt und an unser Potenzial, die Welt in einen viel schöneren Ort zu verwandeln, als sie es zurzeit ist. Einen kleinen Teil der Welt haben wir herausgeputzt, und den Rest lassen wir verrotten. Das halte ich für falsch. Manche Leute denken genauso, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern aus moralischer Verpflichtung, und das respektiere ich. Aber aus welchen Gründen auch immer, wir sollten anfangen zu handeln! Frage: Rockmusik ist Bad-Boy-Musik, aber "bad" wollte U2 anscheinend nie sein. Bono: Aber U2 ist sehr, sehr, sehr rebellisch. Weil wir gegen Konformität rebellieren. Ich rebelliere gegen Mittelmäßigkeit. Heutzutage begehren wir auf gegen Sachen, die schwieriger zu erkennen sind als in den fünfziger Jahren. Damals waren die Menschen gegen sexuelle Unterdrückung und Doppelmoral, und Rockmusik hatte ihren Anteil daran. Jetzt wird Sex in der Werbung benutzt, aber wir haben immer noch Probleme mit der Gleichheit. Die Feinde, gegen die wir jetzt antreten, sind weniger offensichtlich. Zum Teil sitzen sie in mir selbst, ist es unsere eigene Heuchelei. In unserem eigenen Leben, in unserem Herzen. Und das ist auch rebellisch! Frage: Es scheint, Sie suchen den Heiligen Geist, die Ekstase, etwas Spirituelles? Bono: Für mich ist Ehrlichkeit das Wichtigste im Leben. Du musst ehrlich beschreiben, was in deinem Leben oder im Zimmer passiert. Viele unserer Songs sind wie mitgehörte Unterhaltungen. Manchmal sind es nicht meine eigenen Geschichten, aber sie sind mir sehr nah. Ehrlich zu sein ist wirklich wichtig. Ich glaube auch, dass Gott nur an Wahrheit interessiert ist. Darum mag Gott auch Rockmusik lieber als Gospel. Denn die Gospelsänger verehren ihn. Das ist alles nur freundliches Geklapper. Ich glaube jedoch, Gott zieht einen ehrlichen, harten Nine-Inch-Nail-Auftritt vor. Aufgezeichnet von Alrun Steinrueck; aus der Online-Ausgabe der Berliner Zeitung via u2news.de



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