Tourblog

Die meisten Kollegen waren am späten Montagnachmittag schon in den Feierabend entschwunden, als ein Foto von U2 auf der Museumsinsel über den Ticker kam. Eigentlich warteten noch ein paar Überstunden im Büro auf mich, und eigentlich war das Wetter auf dem Foto viel zu gut für die Wolken über Berlin… eigentlich. Aber dann kam ein Kollege noch mal ins Büro und meinte, dass er da gerade Filmarbeiten gesehen hat, im Vorbeifahren.
Damit war endgültig die Unruhe geweckt und ich musste rausfinden, was an dem Gerücht dran war. Auf der S-Bahnfahrt, die mir wie eine Ewigkeit vorkam und an der die S-Bahn an allen (!) Stationen viel zu lang gehalten hatte, überlegte ich mir, wo sich U2 wohl noch in Berlin rumtreiben könnten. Olympiastadion ist zu weit weg, am Brandenburger Tor sind derzeit zu viele Touris… Hansa Studios vielleicht. Hansa…
Aber erstmal zu dieser Brücke. Endlich angekommen war natürlich nix mehr zu sehen. Hmpf. Um an Infos zu kommen überblickte ich kurz die Situation, es standen nur die migrationshintergründische "Brückenbewacherin" oder die Buchhandlung zur Verfügung… mh…. Buchhandlung. Dort erfuhr ich dann, dass U2 da waren (juhu!) und mit einem grünen Trabant wirklich gedreht hatten und über die Brücke gelaufen sind. Dabei sollen wohl viele Passanten Bono erkannt haben. Aber für die anderen haben sich die unwissenden "Muggels" nicht interessiert. So konnte sich Larry Feuer von Passanten für eine Zigarette holen, ohne Autogramme geben oder Fotos machen zu müssen. Ein Foto von der Band mit dem Trabbi gibt es hier (klicken).
Der lenkt aber nicht von meinem Problem ab, dass der grüne Trabbi nicht mehr da war. Mit meinem Liniennetzplan bewaffnet überlegte ich noch kurz, ob ich tatsächlich zum S-Bahnhof zurück gehen sollte, aber die ist so unzuverlässig… ach, da vorn ist ja der Bus. Die anzeigte Wartezeit umfasste gefühlte drei Ewigkeiten, weswegen ich mich an Lolas Vorbild hielt und mein Mittelstreckentraining spontan wieder aufnahm. In Rekordzeit am Brandenburger Tor angekommen, war da auch kein grüner Trabbi zu sehen, oder irgendetwas, dass auf eine U2-Produktion hindeutete. Deswegen fragte ich die herumstehenden Polizisten - meine Freunde und Helfer – aber auch die konnten mir nur scherzhaft anbieten, ihre grünen Uniformjacken über die vorbeifahrende Trabbi-Stadtführung zu werfen. Nene, danke Jungs, besser ist, wenn ihr die anbehaltet ;) Der Portier vom Adlon hatte auch nix gesehen und ich telefonierte noch ein bisschen und beschloss als letztes zu den Hansa Studios zu fahren. Vielleicht hatte ich ja Glück dort.
Beim um die Ecke Biegen in die Köthener Straße sah ich schon die vielversprechenden Produktionswagen, Limousinen für einen Shuttle-Service und sogar Scheinwerfer, die noch auf die Pizzeria im Erdgeschoß gerichtet, aber noch ausgeschalten waren. Beim weiteren Annähern traf ich auf einen Kollegen von U2tour.de, das Team Berlin war komplett und vor dem Ausgang stand als eindeutig der Band zugehöriger Bodyguard. Jackpot.
U2 waren "in the house”. Genau in dem Haus, wo sie vor 20 Jahren … aber wem erzähl ich das.
Ein weiterer Fan stand schon seit Mittag vor der Tür, der seine Infos auch mit uns teilte. Im Hintergrund lief dabei One aus dem Meistersaal, dass man auch auf der Straße hören konnte. So wirklich konnte ich die Situation noch nicht fassen. Nach einiger Zeit meldete sich dann der Abendhunger und wir nutzten die gute Infrastruktur mit der Pizzeria direkt vor der Nase aus. Natürlich zum mitnehmen, wir wollten ja nicht im Restaurant sitzen, wenn auf einmal die Band vorbeifährt. Das tat sie dann wirklich, zumindest drei Viertel davon, die sich auf den Weg wieder ins Hotel machten. So nahmen wir an.
Nur Adam fehlte in den Wagen, die viel zu schnell verschwanden… der kam aber dann die Treppe runtergeschlendert und bestaunte neugierig die Bilder der Künstler, die bereits in den "heiligen Hallen" aufgenommen hatten. Uns mittlerweile vier und mit dem "Warte-Bier" ausgestatteten Fans begrüßte er und gab Autogramme, bevor er sich zum Abendessen zurückzog. Was hieß noch mal Guten Appetit auf englisch?
Die Leute von der Produktion, die regelmäßig auf eine Zigarette nach unten vor die Tür kamen, erzählten uns, dass die Aufnahmen mit der Band gemeinsam abgedreht waren und nun jedes Bandmitglied einzeln aufgenommen wurde und Adam, war der Erste…
Also weiter warten. Irgendwann ging er wieder hoch, nicht ohne uns wieder freundlich gegrüßt zu haben. Irgendwann später wurde Larry genau so schnell wieder an uns vorbeigeschleußt, um seinen Teil zu drehen und unsere kleine Gruppe schrumpfte auf drei wartende Fans. Es gesellte sich ein typischer Vertreter einer lokalen Securityfirma zu uns, der eigentlich in der Nachtschicht auf das Equipment aufpassen sollte, aber während der Dreharbeiten oben auf uns vor dem Haus aufpassen sollte. Einer für drei… so eine Betreuung wünscht man sich in jeder Kita.
Durch offene Fenster hörten wir nebenher immer, wie dann derzeit Larry spielte und kamen überein, dass Schlagzeug das wohl am ungeeigneteste Instrument ist, einen Song zu erkennen. Wir tippten aber alle auf One… Bono und Edge kamen dann auch irgendwann und weil uns so kalt da draußen wurde – es war mittlerweile schon Mitternacht – fragte der nette Security-Typ oben nach, und wir durften dann ins Foyer… und sogar an der Tür lauschen, wie Bono nur von Edges Gitarre begleitet sang. Wer hätte es gedacht: One.
Mittlerweile hatte Larry schon das Weite gesucht, leider ohne für einen kurzen Moment zu stoppen. Aber als Bono ohne Kontakt zu uns Fans direkt in den Hinterhof fuhr, war das schon sehr untypisch und auch ein wenig enttäuschend. Kurz darauf kam aber ständiger Security zu uns, den wir schon von Konzerten kannten und meinte, dass sie gerade im Stress sind, und er nachher noch Zeit für uns haben wird. Nochmal warten… mittlerweile gab ich es auf, die Stunden zu zählen, die mir bleiben würden zum Schlafen bevor ich wieder um 8 Uhr in der Uni sein musste. Aber jetzt gehen, wenn es sicher war, dass Bono kommt…. Nein, definitiv nein.
Aber zurück zum Warten im Foyer. Ein leicht debiles Grinsen machte sich breit, von Müdigkeit war nix zu merken, als wir One mithören durften. Die spielten das nur für uns. Also quasi nur für uns. Mittlerweile war es kurz nach ein Uhr und plötzlich klopfte Bonos Security an das Fenster… es war soweit: In der Einfahrt zu den Hansa Studios nahm sich Bono kurz Zeit für uns, signierte mein Liniennetz und ließ bereitwillig Fotos von sich machen. Endgültig ins Herz geschlossen hatte ich seinen Security, als er von sich aus anbot, ein Foto von uns vieren zu machen. Das nenn ich mal Fanbetreuung! Auf die Frage, ob sie "Always Forever Now", was er auf mein S- und U-Bahnplan schrieb, auch auf kommenden Konzerten spielen wollten, antwortete er leider mit nein, aber die Frage nach neuem Material entgegnete er ein hoffnungsvolles: "We’ve got something cookin’ up." Aber auch das kann alles und nix heißen. Bono war ziemlich in Eile, es war ja schon spät und ich muss auch gestehen, meine Zeitwahrnehmung war nicht ganz da, jedenfalls ging der Moment viel zu schnell vorbei. Reichte aber dennoch für ein noch breiteres debiles Grinsen.
Ins Herz schloss ich dann auch den unseren Security, der mittlerweile nur noch für mich da war, weil die beiden anderen entweder nach Hause oder zum Kaffee holen gegangen waren. Er brachte mir eine Tasse seines – für die Nachtschicht reservierten - Kaffees. Und so saß ich auf der Fensterbank mit der wärmenden Heizung von unten und dem wärmenden Kaffee in den Händen und lauschte Edges zauberhafter Gitarre. Die Jungs von der Produktion meinten, er hat "nur" 20 Stück mit. Aber diesmal war ich mir sicher, dass er nur für mich spielte.
Nach einer weiteren Dreiviertelstunde, es war dann kurz nach zwei Uhr, fuhr Edges Auto aus der Einfahrt. Wir standen bereit, um ihn abzufangen und er nahm sich tatsächlich kurz Zeit für ein Foto. Er sah sehr müde aus, aber ich bestimmt auch.
Wir zwei übrig gebliebenen Fans verabschiedeten uns noch schnell von dem netten Securitymenschen und den Leuten der Produktionsfirma, bevor es dann zum Nachtbus ging.
Nach gefühlten fünf Minuten Schlaf, wankte ich morgens in die Uni und musste mir immer wieder die Fotos und das Liniennetz anschauen, um die Erinnerungen an letzte Nacht nicht mit einem Traum zu verwechseln.
Alle Fotos vor den Hansa Studios hat uns netterweise U2-Forums Mitglied berliner_olli zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

...zumindest wenn es um die Fähigkeit zum Multitasking geht. Von außen sieht das ganz lässig aus, die geben ja nur wenige Kommentare frei, und posten mal hier und da ein Bild und aller paar Minuten eine Info ausm Stadion. Aber weit gefehlt, oftmals schwitzt man dabei Blut und Wasser, weil es entweder keine Infos aus dem Stadion gibt (Handynetz zusammengebrochen) oder der livestream nicht funktioniert oder oder oder..
Seit den ersten (offiziellen) Übertragungen hat sich viel verändert, man muss schon lange nicht mehr auf Plattenbörsen nach Konzertmitschnitten suchen (kann man aber) um herauszufinden, welche Songs U2 bei anderen Konzerten gespielt haben. Heute kann man quasi live dabei sein, ohne die Bequemlichkeiten der eigenen Couch missen zu müssen.
Gerade bei den U2 Konzerten im deutschsprachigen Raum haben wir uns (teilweise dank flatrates) Mühe gegeben, zu den Konzerten einen Livestream hinzubekommen. Meist war der u2tour.de Übertragungswagen in Form eines Mobiltelefons mit Freisprechanlage im FOS und es wurde schon während der Vorband getestet, in welcher Einstellung, oder mit welchem Gerät die beste Qualität übertragen wird. Das hatte für den Feedbackgeber am Rechner den Nebeneffekt, dass Vorbands, bei denen man froh war, dass dieser Kelch an einem vorbeigegangen ist, nun doch miterlebt werden mussten. Naja, was tut man nicht alles ;)
Aber Vorbands anhören ist noch lange nicht das Schlimmste, was passieren kann. Wenn kein Stream vorhanden ist, und das hiesige Mobilfunknetz überlastet, kann schon 30min lang keine Info kommen. Das bedeutet dann nicht, dass eine 35min Version von Beautiful Day läuft, auch wenn das vielleicht wünschenswert wäre.
So richtig kribbelt es aber, wenn man aus den wenigen Quellen auch noch die falschen nutzt und dann falsche Infos twittert. Da bekommt man erstmal ein Feedback, wer uns in der Twitterwelt alles so liest. Zum Glück lässt sich ein Korrektur Tweet schnell hinterher schicken.
So auch bei der Zürich2 Übertragung, als der Stream nach Streets abbrach, und man Tweets aus Brasilien, Dänemark, Australien, usw. lesen konnte, was denn mit dem Stream los sei. Selbst Moderatoren aus dem offiziellen zootopia-forum folgten unserem Stream, am meisten Zuhörer hatte die Übertragung aus München, mit mehr als 8000 (in Worten: Achttausend!) Zuhörern.
Sehr lustig sind auch die Möglichkeiten, die CoverItLive bietet. Was man da alles einbinden, oder zuschalten kann, ein wahres Paradies für ein großes Kind wie mich, das alle verfügbaren Knöpfe und Schaltflächen mal ausprobieren muss. Die Musik, die wir vor den Konzerten als warm up spielen, sorgte eines Abends für helle Aufregung in einem anderen (nicht-deutschsprachigem) Forum. Es lief gerade eine Live-Version von All I Want Is You, und in besagtem Forum sind die User im Dreieck gesprungen, weil sie gedacht haben, dass das live vom Konzert an dem Abend kam.
Und weil doch häufiger ganz gewisse Fragen kommen, hat man immer schon ein anderes Fenster mit der aktuellen Wettervorhersage nebenher auf. Aber die allseits beliebte und oftmals gestellte Frage nach der Stimmung (dicht gefolgt von der nach Bonos Gesundheitszustand) bleiben gerade vor der Show meist ein ungelöstes Mysterium, weil es dafür leider (noch) keine Informationsdienste im Internet gibt (vielleicht demnächst aber als iPhone App, Entschuldigung, Blackberry App) ;)
Aber auch wenn man dann häufiger als üblich die Abende vor dem PC verbringt und dank der jeweiligen Infos vor Ort immer wieder neue Sprachen lernt (danke, Google Translator!) so macht es auch ne Menge Spass, immer neue Bilder und Infos von den Konzerten zu suchen und finden, um sie an die Leser weiterzugeben. Und morgen, wenn es meine letzte CIL (wie wir es schon ganz vertraut nennen) ansteht, wird vielleicht ein kleines bisschen Wehmut mit dabei sein. Aber die Vorfreude auf Rom wird sie nicht zu Wort kommen lassen!
Also dann, bis morgen abend vorm PC, ich freu mich auf euch!
PS: und um mit einem Gerücht aufzuräumen: nein, wir, die im CIL schreiben, sind NICHT vor Ort in einer Kommentatorenkabine um das Geschehen auf der Bühne zu beschreiben und die geposteten Fotos sind auch von (meist uns unbekannten) Menschen, die wir auch nicht herumschicken können, um mal ein Foto von dem Merchandise oder dem Red Zone Eingang zu machen. Aber grundsätzlich geben wir uns alle und immer größte Mühe, Leserwünsche zu erfüllen!
"We built this madness to be closer to you." Spätestens nachdem man weiß, dass sich dieser Satz auf die 360° Tour mit ihrer Wahnsinnsbühne und die Wahnsinnsstadien, die sie besucht, bezieht wird klar, dass irgendetwas daran nicht stimmt. Sind Stadien, mehr kolossale Megabauten als Konzertvenues und Zuschauerschnitte wie beim Papst zu dessen besten Zeiten mit der suggerierten Intimität überhaupt vereinbar? Und muss sich die Musik dem Gigantismus unterordnen?
Sie muss es nicht. Sie wird aber offensichtlich untergeordnet. Zieht man die jüngste Konzertankündigung in Betracht, so kann diese Tendenz wohl leider bestätigt werden: Der offizielle Pressetext für das Konzert in Mexiko City liest sich eher als würde der Zirkus Sarasani in Mexiko Halt machen, denn außer Monster-Statistiken über Stahlkonstrukte, Lastwägen und Kabel ist darin herzlich wenig zu lesen. Immerhin wird "U2" in der Überschrift erwähnt. Das ist nicht mehr "ich hab’ den Größten", das ist schon "mit meiner glühenden Dampframme könnte man sogar einen zugefrorenen Acker pflügen."
Eines vorweg: Ich stehe ja schon auf Gigantismus... also in Bezug auf Stadionkonzerte. Wenn 90.000 lauthals und hymnenhaft I Still Haven’t Found What I’m Looking For singen oder riesige Schüsseln von Stadien in einen "Milky Way" verwandelt werden, hat das schon etwas ganz Spezielles. Aber das stellt nicht das ultimative musikalische Erlebnis dar. Groß ausgelegte Touren bringen oftmals starre Setlisten hervor – das Greatest-Hits-hasse-nicht-gesehen-Event-Publikum, aus welchem ein Großteil der Stadionschar besteht, muss schließlich auch versorgt werden. Zudem bietet eine großangelegte Bühnenshow wenig Raum für Spontaneität. Und die oft zitierte Intimität? Die ist bei diesen riesigen Stadien natürlich absolut Kokolores. Will eine Band ihren Fans näher sein, so spielt sie in Hallen. Das wäre zumindest für mich völlig logisch.
Der wahre Hintergrund dieser Bühne ist ganz sicher eines: Mehr Tickets zu verkaufen, die größte Tour aller Zeiten auf die Beine zu stellen und mit der größten Bühne aller Zeiten ein Novum in der Konzertindustrie darzustellen. Kurz: Die Band versucht ihr enorm großes Ego zu befriedigen und allen zu zeigen, dass man die größte Band der Welt ist. Vermutlich wird das auch so eintreten – man erwartet am Ende der Tour einen Umsatz von 750 Mio. US-Dollar, knapp 7 Mio. verkaufte Tickets scheinen auch realistisch zu sein. Gerüchte besagen bereits, Paul McGuiness werde die 200 Tour-Trucks Ende nächsten Jahres benutzen um die vielen Säckchen mit den $-Zeichen in seinen Geldspeicher zu transportieren. Das sind Rekorde, die selbst die Rolling Stones bei einer gut beworbenen Steel-Wheelchair-Abschiedstournee nur schwerlich brechen können. Und so grotesk es klingen mag: Möge diese Tour am Ende so gigantisch und groß sein, dass es durch nichts und niemanden zu überbieten ist. Mögen sämtliche Egos befriedigt und sämtliche Geldsäcke prall gefüllt werden. Denn U2 haben ebenfalls das Bedürfnis, sich stets zu toppen. Immer größer, immer gigantischer. Doch wer soll diesen Wahnsinn überhaupt noch toppen? Und vor allem wie? In Bezug auf Gigantismus fiele mir da vielleicht eine überdimensional große Disco-Zitrone ein, aber been there, done that...
Nein, es geht nicht mehr größer und das ist auch gut so. Im Grunde gibt es nur einen richtigen Weg die 360°-Tour zu "toppen" – läutet die Post-360° Ära verdammt noch mal damit ein, indem ihr eine Hallen-Tour ankündigt! Allerspätestens als ich mein persönlich bestes Konzert in München in der zweiten/dritten Reihe des FOS erlebt habe, habe ich realisiert wie überflüssig dieses Bühnengedöhns überhaupt ist: Ach, über mir steht eine Monsterbühne mit einer Wahnsinns Lichter- und Videoshow? Hinter mir stehen 80.000 Leute? Brauch ich doch gar nicht. Wenige Meter vor mir schlägt ein breitbeiniger Adam Clayton übrigens auf die Saiten als ob es kein Morgen mehr gebe.
Besinnt euch doch künftig bitte wieder auf die Grundlagen: die Musik. Die Nähe zu den Fans. Maximiert die Vorfreude von uns Hardcore-Fans, indem ihr die Setlist mehr durchmischt. Dass so etwas gut klappt hat man ja bereits 2005 und 2001 gesehen. Und dass die Band immer noch nicht zum alten Eisen gehört und stets in der Lage ist die Fans zu überraschen, sieht man auch dieses Jahr bei beeindruckenden Konzerten in Helsinki oder Zürich, München oder Brüssel.
Pro Lovetown Tour 2014.

Jeder, der 2009 oder 2010 ein U2 Konzert besucht hat, kennt die Rede von Bishop Tutu – einige Besucher können inzwischen den Text sogar mitsprechen...und die U2-Konzertbesucher kennen auch alle die ONE Organisation. Dachte ich wenigstens...
Aber ich fange mal besser von vorn an. Nachdem ich ONE schon seit Jahren online unterstütze, fand ich in diesem Sommer, dass es mal Zeit wird, aktiv zu werden und bei ONE im Rahmen eines U2-Konzertes mitzuwirken. Gedacht – getan; als das Mail mit der Einladung kam, habe ich mich fix beworben und hatte auch schon - zu meiner großen Freude - wenige Tage später die Bestätigung, dass ich mitmachen darf, im Posteingang. Die Freude steigerte sich noch als ich erfuhr, dass mit mamo, judbury und precious stone noch drei weitere Forumler dabei sein sollten.
Konzerttag – Treffen um 12 Uhr mittags am ONE-Stand vor dem Stadion. Wir werden sehr freundlich von Alicia (ONE Ansprechpartnerin in Deutschland) und Weldon (aus London) begrüßt und auf unsere Aufgabe vorbereitet. Jeder erhält ein ONE-Shirt, eine Tasche mit Armbändchen und Flyern und ein iPad für die Aufnahme der digitalen Unterschriften und natürlich die "Aufgabe": Unterschriften für eine Petition an die UN sammeln, um diese Millennium-Entwicklungsziele zu erinnern, speziell daran, dass sie bis 2015 dafür sorgt, dass kein Kind mit HIV geboren werden muss.
Es geht los – eine leichte Nervosität geht allerdings mit. Während ich auf der einen Seite der Meinung bin, dass man eine solche Forderung einfach nur unterstützen kann, bin ich allerdings auch etwas skeptisch, was da wohl so auf mich zukommen mag. Der Anfang ist aber recht einfach – die vor den Einlasstoren Wartenden kennen ONE eigentlich alle und sind gern bereit, diese Petition zu unterstützen. Dazu kommt, dass ich doch einige in der Warteschlange kenne – da ist die Stimmung recht nett und gelöst.
Dann wird es aber langsam schwieriger – immer wieder wird man, zum Teil auch recht schroff, abgeblockt. Mein Fast-Standardsatz wird: "Nein, es geht nicht um Euer Geld, es geht um Eure Stimme", häufig ergänzt durch "Nein, Ihr erhaltet keine Spam-Mails, es gibt keinen nervigen News-Letter und die Mail-Adressen werden auch nicht weiterverkauft" (und auch gern mal: "Nein, den iPad bekommt Ihr nicht für die Unterschrift"). Für die österreichischen Gäste ist auch häufig der Zusatz "Nein, bei ONE geht es nicht um die Telefongesellschaft" nötig. Was aber immer wieder aufbaut, sind die netten Gespräche zwischendurch. Gern spreche ich Gruppen an, oft ist auch einer dabei, der ONE schon kennt und dabei hilft, die anderen zu überzeugen, dass es eine gute Sache ist. Diejenigen, die sich die Zeit nehmen, zuzuhören, sind of auch gern bereit zu unterschreiben.
Sieben Stunden lang schwärmen wir aus und versuchen, den Besuchern ONE und die Ziele näher zu bringen. (Es ist übrigens äußerst schwer, nach über sechs Stunden Dauerreden dann noch gegen die Vorband anzuschreien...). Um viertel vor acht (oder manche sagen dreiviertel acht) treffen wir uns wieder am ONE-Stand, vergleichen unsere Ergebnisse und freuen uns über die vielen neuen Supporter. Per Losverfahren wird entschieden, wer während "Walk on" auf die Bühne darf und danach werden wir alle durch den Hintereingang ins Stadion geführt, um das Konzert mitzuerleben. Bei der Bishop Tutu Rede läuft es mir übrigens zum ersten Mal eiskalt den Rücken herunter – "I am ONE"!
Eine interessante Beobachtung: Je später der Nachmittag, desto höher wird übrigens der Anteil derjenigen, die noch nie von ONE gehört haben. Irgendwie hatte ich gedacht, dass, dadurch, dass U2 (insbesondere Bono) die Organisation schon seit Jahren unterstützen und auch bei den Konzerten einbauen, schon ein gewisser Bekanntheitsgrad da sein müsste, aber da habe ich mich doch scheinbar geirrt. Für mich ist dies allerdings ein Zeichen, dass da noch Luft nach oben ist, und dass gerade solche Aktionen wie bei den U2-Konzerten sehr wichtig sind. Mein persönliches Fazit ist, dass ONE noch viel bekannter werden muss und ich gern versuchen möchte, in Hamburg eine ONE-Supporter-Gruppe zu starten. Würde mich sehr freuen, wenn Ihr Lust hättet mitzumachen - oder in Euren Wohnorten ebenfalls aktiv zu werden.
Habt Ihr eventuell auch Erfahrungen als ONE-Supporter gemacht? Wie erging es Euch dabei?
Wer mehr über ONE lesen möchte und vor allem die aktuelle Petition unterschreiben will (jede Stimme zählt!!):

Die 360° Tour ist in vollem Gange und während eines Konzertbesuchs lässt es sich nur schwer vermeiden, anderen Fans zu begegnen. Das ein gemeinsamer Musikgeschmack nicht unbedingt innigste Freundschaften hervorbringt, ist jedem spätestens nach fünf Minuten in unserem Forum klar, aber gerade die letzten Konzerte haben mir deutlich gemacht, wie unterschiedlich U2-Fans sein können. Deswegen hier kurz der Versuch einer Charakterisierung einzelner (Stereo-)Typen (Ähnlichkeiten mit realen Personen sind möglich, beabsichtigt und mögen bitte verziehen sein :) ):
Der Hardcore Fan:
Freut sich sehr, wenn er Feinheiten entdeckt, auf die 90% der anderen Konzertbesucher nie geachtet hätten, z. B. dass Bono während Ultra Violet ein weiteres Mikro - in der Jacke eingearbeitet - nutzt. Freut sich noch viel mehr, wenn er das anderen Hardcore-Fans mitteilen kann, die das aber natürlich auch schon längst gesehen haben. Der Hardcore Fan kann quasi jeden Song mitsingen, zum größten Teil auch die aktuellen Snippets und es bereitet ihm größte Freude, zusammen mit Desmond Tutu festzustellen: Weeeeeee are the people!
Er tritt meistens in Rudeln auf, ist aber individuell auch erkennbar an einer mitgeführten Plastiktüte einen hiesigen Discounters, in der er vorausschauenderweise konzerttaugliche Speisen (Muffins!) und Getränke in maximal 0,5l Verpackungen, Regenponchos und Feuchttücher gegen die Dixie-Ekeleien mitführt.
Der Vielbeschäftigte:
Besucht nur wenige Konzerte, auf die er sich akribisch vorbereitet. Um nichts dem Zufall oder der Tagesform zu überlassen, hat der Vielbeschäftigte alles dabei: Selbstgenähte Fahne, Schild mit Songwunsch, Schild (oder Luftmatratze) mit Grüßen vom Heimatdorf an die Band. Beim Fotos machen ist er meist erstaunt, wenn er mal die Kamera runter nimmt, wie nah die Band eigentlich ist. Und in früheren Zeiten ist es ihm öfter passiert, dass unbedingt genau dann der Film gewechselt werden musste, wenn Bono direkt vor ihm stand.
Der Frischling:
Das U2 Konzert in der Heimatstadt muss man natürlich mitnehmen, allein schon, um in der Kantine später angeben zu können. Dabei reicht dem Frischling, ein kurzer Blick auf einschlägige Fanseiten (eigentlich nur eine ;) ) um auf das Konzert vorbereitet zu sein. Leider macht der Frischling dann meist noch einige Fehler, z. B. dass er, nachdem er sich in den FOS gedrängelt hat, damit angibt, noch vor ner Stunde im Büro gewesen zu sein. Grundsätzlich ein Gedanke, der im Kopf bleiben sollte. Auch schlechte Witze, ob "das Ding" (die Kralle) bald zusammenkracht und die Frage, was denn dieses Horsens ist, und wo es das zu kaufen gibt, weisen auf einen Frischling hin. Wenn dann noch auf die ONE Bändchen der Umstehenden gezeigt wird, und sich über die Sekte gewundert wird, hilft auch kein Mitsingen von Sunday Bloody Sunday, da hat sich der Frischling geoutet. Aber irgendwie macht ihn das auch sympathisch, weil er sofort Erinnerungen an das eigene allererste U2 Konzert wachruft.
Der Sitzplatz-Sitzer:
Nachdem er sich und seine Begleitung gegen das Verhungern und Verdursten in den nächsten drei Wochen ausreichend versorgt hat, und währenddessen völlig die Vorband verpasst hat, schimpft er leise vor sich hin, dass er wegen dieser blöden La Ola schon wieder aufstehen muss. Er schimpft ein wenig lauter (aber nur sehr kurz), dass man Space Oddity von Bowie nicht ausgespielt hat. Während den ersten Songs überlegt er sich, ob er gehen soll – auch, weil die vor ihm stehenden (!) Fans die Sicht versperren und schräg mitsingen. Aber spätestens Sunday Bloody Sunday versöhnt ihn wieder, ein Klassiker eben, und bei Pride schmettert er sogar die Strophen mit, obwohl er eigentlich gar nicht so textsicher ist und bei With Or Without You nimmt er seine Begleitung in den Arm und flüstert ihr einen Heiratsantrag oder wahlweise einen ewiglichen Liebesschwur ins Ohr. Später erzählt er von einem unglaublich guten Konzert, dass er sich mindestens 15 Jahre jünger fühlt. Der Vorsatz, das neue Album öfter zu hören, der gleich nach Konzertende beschlossen wurde, ist aber nach dem Aufregen über das Verkehrschaos ein paar Stunden später schon wieder vergessen.
Ich muss gestehen, dass ich einige der Situationen - auch als Protagonistin - miterlebt habe. Aber das macht mir umso mehr bewusst, warum diese Klassiker, die manche als totgespielt und überflüssig empfinden, eben doch ihre Daseinsberechtigung in der Setlist haben und (leider) auf immer haben werden.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Beim Thema Musik erst recht. Daher haben es von je her insbesondere Vorbands schwer, denn sie treffen auf ein Publikum, welches meist nur gekommen ist, um die Hauptgruppe zu hören. U2-Fans gelten zudem was Vorbands angeht als besonders schwierig. Dabei genießen U2 selbst bereits seit Jahren den Luxus sich ihre Vorbands relativ frei aussuchen zu können und nicht (komplett) an die Vorgaben ihrer Plattenfirma gebunden zu sein.
Dennoch hatten viele U2-Fans häufig große Fragezeichen in den Augen, wenn die Namen der jeweiligen Vorgruppen veröffentlicht wurden. Und U2 stellten ihre Fans teilweise auf wirklich harte Proben. Fatima Mansions (1992) oder Einstürzende Neubauten (1993) seien hierbei nur als Extrembeispiele genannt. Während erstere vom Publikum meist mit einem gellenden Pfeifkonzert, dem Hochhalten von U2-Tickets oder dem Umdrehen des gesamten Publikums gewürdigt wurden, mussten die Einstürzenden Neubauten bereits nach einem Konzert die Koffer packen. Aus Wut über Buh-Rufe und Pfeifkonzert schmiss die Band damals Verstärker ins Publikum – was erwartungsgemäß bei niemandem gut ankam.
Es gab auch immer wieder Bands, denen es gelang für gute Stimmung unter den U2-Fans zu sorgen, mal relativ unabhängig davon ob einem persönlich die Musik nun gefiel oder nicht. Als Positivbeispiele sind dabei durchaus die Toten Hosen (1993) oder die Fantastischen Vier (1997) in Erinnerung geblieben. Und während U2 im Jahre 2001 ein eher unglückliches Händchen hatten (Söhne Mannheims, Kelis), zeigten sie 2005 im Rahmen der Vertigo-Tour fast prophetische Anzeichen. Mit den Killers, Kaiser Chiefs oder Snow Patrol trafen sie den Geschmack des Publikums und ebneten zudem vielen dieser damals noch relativ unbekannten Bands den Weg nach oben.
Insbesondere Snow Patrol haben es U2 damals offenbar angetan, den die schottische Band um Sänger Gary Lightbody war auch auf 25 Konzerten der 360° Tour dabei. In Istanbul standen sie nun ein letztes Mal als Vorband auf der Bühne.
Snow Patrol sind in dieser Zeit nicht nur irgendeine Vorband gewesen, sie haben sich tatsächlich in die Herzen vieler U2-Fans gespielt. Nicht selten habe ich gehört, dass sich Fans tatsächlich mal auf eine Vorband bei U2 gefreut haben. Auch ich habe in dieser Zeit Snow Patrol schätzen gelernt. Zwar finde ich ihre Musik weiterhin relativ seicht und teilweise langweilig, aber live konnten sie mich von Mal zu Mal mehr überzeugen. Sie haben ihre Chance als Vorgruppe genutzt und sind weit darüber hinaus gekommen. Nicht umsonst haben U2 und ihre Crew der Band beim Konzert in Istanbul ausführlich gedankt, mit einem riesigen Dankeschön auf der Videowand und mit Crew-Mitgliedern, die gemeinsam mit Snow Patrol auf der Bühne standen (Rocko Reedy griff gar zum Mikro!). Und auch Snow Patrol selbst haben unterstrichen was für eine besondere Zeit die Tour mit U2 für sie war. Gary Lightbody hat dazu einen schönen Blogeintrag auf U2.com geschrieben, in welchem er sich auch bei den Fans bedankt: "Also a huge thank you to all the U2 fans that gave us the time of day. It's a tricky thing to go on before them because we know how long the people in front of us have waited and we are the only other hurdle before their prize. That being said every crowd, everywhere, has treated us brilliantly. You've sung and cheered and shown us love. We'll maybe see some of you along the way at our own shows."
Und welche Vorbands sind Euch in Erinnerung geblieben?