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Mystify: Michael Hutchence - Review zur Dokumentation von Richard Lowenstein

Seit dem 30. Januar ist Mystify: Michael Hutchence auch in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen. Im Australien und UK lief der Film bereits im vergangenen Jahr. Bono ist einer von ca. 30 Interviewten, deren Stimme in der Dokumentation zu hören ist. Ihn verband eine enge Freundschaft zu Michael Hutchence. Unser Mitarbeiter Daniel hat den Film angesehen und erzählt hier von seinem Eindruck.

Es war gar nicht so einfach ein Kino zu finden, das den Film in Kiel oder Umgebung zeigen würde, aber am Ende war Verlass auf das Studio Filmtheater - einmalig am Sonntag  um 11 Uhr wurde Mystify dort gespielt und so ging es vom Frühstückstisch direkt in den Kinosessel. 

Vorab: ich war nie ein riesiger INXS Fan. Ich besitze ein Live Album der Band und Mystify und Never Tear Us Apart sind in meinen Augen hervorragende Songs. Bemerkenswert fand ich schon immer die stimmliche Nähe zu Mick Jagger. Darüber hinaus war das für meinen Geschmack meist ein bisschen zu viel Funk, ein bisschen zu viel Keyboard und ein bisschen zu wenig Rock. Dennoch war die Band eine große Nummer in meiner Jugend und der Tod Michael Hutchences hat mich seinerzeit entsprechend schockiert. Ohne U2s Tribut während der letztjährigen Tournee hätte der charismatische Frontmann in meiner Erinnerung aber vermutlich keine große Rolle gespielt. Das Phänomen INXS war irgendwie von meiner geistigen Bildfläche verschwunden. Mystify: Michael Hutchence zu sehen war darum nicht zuletzt eine Reise in die Vergangenheit, bei der mein Gedächtnis vieles reaktivierte, was dort anderenfalls sicherlich für immer im Archiv verschwunden wäre.

Die Reise hat sich gelohnt, soviel kann ich vorwegnehmen. Richard Lowenstein ist eine in vielerlei Hinsicht beeindruckende Dokumentation gelungen, die mit unglaublicher Akribie und ausschließlich Originalaufnahmen tiefe Einblicke in die Persönlichkeit eines sehr komplexen Menschen gibt, der für mich nach 102 Minuten eine Relevanz besitzt, die ich nicht im Ansatz für möglich gehalten hätte.

Mystify ist eine klassische Dokumentation und ich denke eine ihrer Stärken ist, dass sie gerade nicht versucht mehr als das zu sein. Zu sehen sind ausnahmslos Original Film- und Tonaufnahmen, Fotos, Briefe. Hinterlegt sind diese mit aktuellen Interviews von Menschen, die Michael Hutchence nahestanden, ca. 30 Interviewpartner listet der Abspann, darunter Bono - er kommt viermal zu Wort, wenn ich mich recht erinnere. Bono spricht über Hutchences großartige Stimme, dessen Definition von Rock'n Roll und wie sich nach einem Ereignis im Jahr 1996 alles veränderte (dazu unten mehr). Beeindruckendste Sequenz ist jedoch die Erinnerung an ein gemeinsames Gespärch in einem Olivenhain, in dem Hutchence über das hohe Alter der Olivenbäume und seine eigene Sterblichkeit spricht. Ein Moment, dessen hohe Bedeutung sich erst zum Ende des Films hin erschließt und eine im Nachhinein unglaublich bewegende Szene.   
Das Besondere: die Interviewten sind nicht einmal zu sehen, Lowenstein verzichtet darauf, sie zu zeigen, den gesamten Film über sind nur ihre Stimmen zu hören. Eine Technik, die mir so gut gefallen hat, dass ich mich frage, wieviel besser viele Dokumentationen vermutlich wären, würde man nicht immer durch entsprechende Einblendungen abgelenkt.

Die Erzählung beginnt in den Kinderjahren, der junge Michael Hutchence möchte um jeden Preis Gitarre spielen, obwohl sein Umfeld ihm hierfür jegliches Talent abspricht. Da er weder ein Instrument spielt, noch ein begnadeter Sänger ist, entspringt es einer Mischung aus Zufall und Freundschaftsdienst, dass er in einer Band, den The Farriss Brothers, landet. An dieser Stelle werden durchaus Erinnerungen an einen gewissen Paul Hewson wach, der seinerzeit nicht unbedingt mit übermäßigem Talent gesegnet schien und sich dann zur alles prägenden Persönlichkeit entwickelte. Nicht zu Unrecht schreibt das The Monthly Magazine, dass Hutchence auf dem Höhepunkt des kommerziellen Erfolges "one of the few rock singers able to challenge Bono’s stadium-sized charisma" gewesen sei. INXS wurden übrigens ziemlich genau ein Jahr nach Feedback gegründet.

Das Bild, dass ich von Michael Hutchence erhalte, ist das eines äußerst sensiblen, schüchternen und hochintelligenten Menschen, der trotz – oder gerade wegen – seiner introvertierten Art eine gehörige Portion Coolness besaß. Das könnte arrogant wirken, wäre da nicht eine weitere Eigenschaft, die sich dem Zuschauer von Beginn an erschließt: Hutchence war ein unglaublich freundlicher Mensch, es fällt tatsächlich schwer, ihn nicht zu mögen. Natürlich bin ich in meinem Urteil von dem abhängig, was Lowenstein in seiner Dokumentation zeigt, sie wirkt auf mich aber zu keinem Zeitpunkt, als wolle sie die Person Michael Hutchence romantisieren oder aus Respekt vor dem Verstorbenen ein allzu sympathisches Bild zeichnen.



Wichtig: Mystify ist kein Musikfilm, insbesondere kein Film über INXS; die Musik spielt eine unerwartet nachrangige Rolle und die anderen Bandmitglieder sind zwar präsent, allerdings beinahe ausschließlich als Teil der Geschichte über den Menschen Michael Hutchence. Über den erfährt man viel Heiteres, viel Positives und doch schwingt von Beginn an diese Nachdenklichkeit mit, die sich später im zutiefst gespaltenen Verhältnis zu seiner Rolle als Rockstar manifestieren soll. Hutchence wächst in gutsituiertem Hause auf, seine Jugend verläuft jedoch alles andere als unkompliziert. An manchen Stellen erwischt einen der Film kalt und man ist fassungslos, in etwa als Hutchence nach der Scheidung seiner Eltern für anderthalb Jahre mit seiner Mutter in die USA ziehen muss, während sein jüngerer –und stets im Schatten stehender – Bruder Rhett diese lange Zeit bei Kindermädchen in Sydney geparkt wird.

Von der zweijährigen Beziehung mit Kylie Minogue über die drei Jahre mit dem dänischen Model Helena Christensen bis zur anfangs so glücklichen und später dramatischen Liaison mit Bob Geldofs Exfrau Paula Yates – Hutchences Beziehungen spielen eine tragend Rolle in Mystify. Anders wäre ein Film über ihn vermutlich auch gar nicht möglich; obwohl Hutchence früh den Status eines Sexsymbols innehatte war er ein sehr familiärer und häuslicher Mensch, dem es schwer fiel, von seinen Bezugspersonen getrennt zu sein und der es deshalb oft am liebsten vermieden hätte, auf Tour zu gehen. Zu Beginn der 90er Jahre arrangierte sich Michael Hutchence weitestgehend mit dieser Situation, zu Tourneezeiten wurde das Faxgerät zum beliebten Kommunikationsmittel für Liebesbekundungen, die "freie" Zeit nutzte er für gemeinsame Reisen mit Kylie Minougue und später Helena Christensen, ausschweifende Partys in Südfrankreich, Hutchence genoss das Leben. Das war nicht immer so, Lowenstein räumt einer ersten Krise in den späten Achtzigern genügend Platz ein, um dem Zuschauer die Ambivalenz vor Augen zu führen, die der Erfolg bei Hutchence auslöste. Er veränderte sein Äußeres und startete entgegen dem Rat seines Managers ein Bandprojekt neben INXS, welches jedoch kommerziell keinen Erfolg fand.

Mystify versucht nicht künstlich Dramatik zu erzeugen, zeigt auch die heiteren und glücklichen Momente im Leben. Und so kann man zwischenzeitlich den Eindruck erlangen, Michael Hutchence hätte trotz aller Selbstzweifel ein glückliches Leben führen können. Ein Abend in Kopenhagen im Jahr 1992 sollte alles ändern. Hutchence gerät in Streit mit einem Taxifahrer, der ihn zu Boden schubst. Er zieht sich ein Schädel-Hirn Trauma zu, verliert seinen Geruchs- und Geschmackssinn. Dieses Ereignis, so die eindeutige These des Films, war der entscheidende Wendepunkt im Leben Michael Hutchences und veränderte dessen Persönlichkeit nachhaltig. Wäre Mystify ein klassisches Drama würde man den Abend wohl als Peripetie bezeichnen und Lowensteins Dokumentation als Tragödie. In der Beziehung zu Paula Yates findet der Held vorübergehend noch einmal Zuversicht, mit der Geburt seiner Tochter vermutlich sogar den glücklichsten Moment seines Lebens. Dann jedoch bricht die Welt über ihm zusammen, die Regenbogenpresse setzt ihm und Paula Yates zu, INXS scheinen den Zenit ihres Schaffens überschritten zu haben und der Streit um das Sorgerecht für die drei Kinder aus Yates erster Ehe mit Bob Geldof tut sein Übriges.

Es mag Menschen geben, die Lowenstein vorwerfen, Michael Hutchence zum Ende des Films zu einseitig als Opfer darzustellen. Mein persönlicher Eindruck: genau das war er. Es gibt sicher verschiedene Optionen mit Ruhm umzugehen, Scheitern ist eine davon und sensible Menschen wie Michael Hutchence sind vermutlich deutlich anfälliger dafür als andere. Eine weitere Option ist zum A****loch zu mutieren. Vielleicht der bequemere Weg; Noel Gallagher hielt es jedenfalls für eine gute Idee: bei der Verleihung der Britpop Awards 1996 übergibt Michael Hutchence einen Preis an Oasis. Gallagher quittiert dies mit der Aussage "Has beens shouldn't present awards to going to be's". Hätte er gewusst, wie es seinerzeit um Hutchences Gemütszustand bestellt war, hätte er auf diese Spitze vielleicht verzichtet. Bono fragte Michael Hutchence einmal nach seiner Definition von Rock'n Roll: "Liberation" soll dieser geantwortet haben. Das Leben als Rockstar bescherte dem sensiblen Michael Hutchence letztendlich das genaue Gegenteil.

Obwohl Mystify: Michael Hutchence ein emotionales Auf und Ab ist, zeichnet sich der Film dadurch aus, dass er angenehm unaufgeregt ist. Selten war ich dem Protagonisten einer Dokumentation so nah. Darum eine klare Empfehlung: unbedingt anschauen!

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